3 Dinge, die du aus schlechten Büchern lernen kannst – und wie du dabei deinen Schreibstil verbesserst

„Es gibt keine schlechten Bücher.“

Dieser Satz löst in mir zwei gegensätzliche Reaktionen aus: 100%ige Zustimmung und zutiefst empfundene Ablehnung.

Ich behaupte: Jeder Buchnerd hatte schon einmal ein schlechtes Buch in der Hand. Es ist die Sorte Buch, die bei Leserinnen eine zweigeteilte Reaktion auslöst. Die einen lesen mit eiserner Disziplin zu Ende. Die anderen klappen das Buch zu und verbringen ihre Zeit mit angenehmeren Dingen.

Die Lektorin in mir weiß, dass Vieles davon mit Genres, Zielgruppen und Co. zu tun hat. Und selbst, wenn ich das nicht wüsste, müsste ich zugeben, dass zu den drei „schlechtesten“ Büchern, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, eines mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, ein anderes aus der Feder eines Pulitzerpreisträgers stammt und mein persönlicher Flop 1 der Auftakt zu einer Fantasy-Reihe ist, die weltweit über 30 Millionen Verkäufe vorzuweisen hat (Fantasy ist mein liebstes Genre und es war furchtbar!).

Einigen wir uns also auf ein versöhnliches „Geschmäcker sind verschieden.“

Unabhängig von der Frage des persönlichen Geschmacks möchte ich mit diesem Blogartikel aber vor allem den Autorinnen unter euch eine neue Perspektive auf den Satz „Es gibt keine schlechten Bücher.“ anbieten. Denn während ich jeder Leserin von Herzen empfehle, ein Buch abzubrechen, wann immer ihr der Sinn danach steht, so verpassen Autorinnen eine wichtige Chance, wenn sie „schlechte“ Bücher zu schnell aus ihrem Leben verbannen.

Hier sind drei Wege, wie dir das Lesen von „schlechten“ Büchern dabei hilft, dein Manuskript zu verbessern.

Frau, die ein Buch halb vor ihr Gesicht hält

Fotocredit: Pexels, George Milton

1) Nutze (schlechte) Bücher, um deinen Schreibstil zu verbessern

Den pauschalen Schreibtipp „Autorinnen müssen in erster Linie viel lesen.“ hast du vermutlich schon irgendwo einmal gehört. Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, Autorinnen sollten neben wirklich guten Büchern auch mittelmäßige und ab und zu ein schlechtes Buch lesen.

Das hat mehrere Vorteile:

  • Du siehst im realen Beispiel, welche Elemente einer Geschichte zu einem potenziell unerfreulichen Leserinnenerlebnis führen.
  • Es besteht die Möglichkeit direkt zu vergleichen, welche Schnitzer du bei einem mittelmäßigen Buch eventuell noch verzeihen kannst und was für dich einfach gar nicht geht.
  • Schreibstil und Technik lassen sich bei „schlechten“ Büchern oft viel leichter erfassen, als bei wirklich guten.

Die meisten Autorinnen, die ich kenne, möchten nicht nur ein Buch schreiben, das bei der Leserinnenschaft gut ankommt – in der Regel ist der Anspruch durchaus, ein Buch zu erschaffen, das man selbst großartig findet. Wenn du zu diesen Autorinnen gehörst, kannst du sehr viel lernen, wenn du ein für dich schlechtes Buch mit offenen Augen und wachem Verstand liest. Frage dich dabei ganz konkret, was genau dein Leseerlebnis beeinträchtigt.

Hier eine leicht umsetzbare Mini-Übung für dich:

Notiere dir beim Lesen folgende Dinge:

  • Was genau stört dich?
  • Wie stark stört es dich?
  • Warum stört es dich?
  • Was würdest du anders machen?

Du wirst sehen, dass diese Praxis einen wichtigen Einfluss auf deine eigenen Geschichten haben wird und dir dabei hilft, deinen Schreibstil gezielt weiterzuentwickeln.

Der Vorteil dieser Taktik im Vergleich zum Lesen von guten Büchern liegt darin, dass es bei schlechten Büchern oft viel leichter fällt, auf Stil und Technik zu achten. Die Crème de la Crème der Bücher hat es nämlich an sich, dass sie uns in ihre Geschichte hineinzieht – genau das soll sie ja auch tun. Natürlich ist es auch bei großartigen Büchern wichtig und hilfreich, darauf zu achten, warum die Geschichte so gut funktioniert. Es erfordert allerdings in der Regel etwas mehr Übung (und verändert das Leseerlebnis oft nachhaltiger, als du denkst).

Mein Tipp ist somit, den Mut und die Muße zum Lesen von mittelmäßigen und schlechten Büchern zu finden und ganz gezielt eine wichtige Lektion aus ihnen allen zu ziehen.

2) Lerne durch (schlechte) Bücher mehr über deine (und andere) Zielgruppen

Die Grundregel in puncto Zielgruppen lautet: Als Autorin solltest du deine Zielgruppe kennen und wissen, was deine Leserinnen von einem guten Buch wirklich erwarten. Möglichst genau zu wissen, für wen du schreibst, macht das Schreiben selbst oft deutlich einfacher und verschafft dir einen ordentlichen Vorsprung am Buchmarkt.

Wie sieht es denn nun aber mit anderen Zielgruppen aus?

Sehr oft empfinden wir ein Buch einfach nur deshalb als „schlecht“, weil wir nicht zu dessen Zielgruppe gehören. Auf den ersten Blick erscheint es dir vielleicht unerheblich, nun über die Präferenzen von Leserinnen, die einer anderen Zielgruppe angehören, Bescheid zu wissen. Bis zu einem gewissen Grad trifft das auch zu. Wenn du Liebesromane schreibst, können dir die Präferenzen von Horror-Leserinnen mehr oder minder egal sein. Sehr oft liegen Genres allerdings nicht so weit voneinander entfernt, wie diese beiden.

Ein Beispiel gefällig?

Ein aktuell sehr gehypter Genremix trägt den Namen Romantasy. Hier erwartet dich eine Fantasy-Story, die sehr stark durch die Liebesgeschichte der Protagonistin getrieben ist, eine hübsche Portion Spice inklusive. Als Zielgruppe treffen sich also Fantasy-Leserinnen mit Romance-Leserinnen und erfreuen sich an der Symbiose dieser beiden Genres. Für dich als Autorin bedeutet das, dass du dir der Vorlieben beider Zielgruppen bewusst sein solltest. Romance-Leserinnen lieben Bücher, die von der Frage „(Wie) kommen die beiden zusammen?“ getragen werden. Dabei darf es anfangs durchaus undenkbar sein, dass hier jemals Liebe entsteht, und so nebenbei kann es – wenn alle Hindernisse überwunden sind – gerne auch mal heiß hergehen. Fantasy-Leserinnen hingegen lesen bevorzugt über magische Welten, die neu, anders und gerne auch komplex sind. Der Plot entspricht für gewöhnlich einer Heldinnenreise, in der ein Underdog zur Meisterin wird und das Böse besiegt.

In dem Versuch, beide Genres zu vereinen, hast du nun zwei Möglichkeiten:

  • Du schreibst für beide Zielgruppen. Das ist durchaus möglich, verlangt aber eine gute Portion Handwerkszeug. Hier musst du gezielt darauf achten, dass du die Bedürfnisse beider Zielgruppen gleichermaßen erfüllst und daraus am Ende trotzdem eine runde Geschichte wird.
  • Du entscheidest dich für eine der beiden Zielgruppen. Im Falle von Romantasy kann das heißen, dass du einen Liebesroman schreibst, in dem zufällig auch Drachen vorkommen. Am Ende kommt es aber nicht so sehr darauf an, ob das fantastische Element nun Drachen sind oder einfach nur ein wenig Magie – du musst also deutlich weniger Zeit in dein Worldbuilding stecken. Anders herum schreibst du einen Fantasy-Roman und lässt auch ein wenig Herzschmerz mit einfließen, sexy Szenen inklusive. Der Fokus liegt hier klar auf deiner Heldinnenreise und nicht auf jedem verstohlenen Blick, den der Angebetete deiner Protagonistin zuwirft.

Wichtig ist in allen Fällen, dass du vorab klar definierst für wen genau du schreibst. Tust du das nicht, verlierst du im ungünstigsten Fall beide Zielgruppen. Das Lesen von Büchern, die sich am Markt behaupten, aber einfach nicht deins sind, verschafft dabei eine gehörige Portion Klarheit. Denn Klarheit in der Ausrichtung verkauft Bücher.

3) Gib deiner inneren Kritikerin den Laufpass

Wer viel liest, weiß, dass es sie gibt. Diese Goldstücke in Buchform, bei denen jedes Wort stimmt. Jene Geschichten, die Leserinnen in ihren Bann ziehen und am Ende sprachlos zurücklassen.

Die Wahrheit ist aber auch, dass die meisten Bücher da draußen gute, solide Bücher sind, die unser Leben bereichern und es wert sind, gelesen zu werden – auch wenn oder gerade weil sie nicht perfekt sind. Du musst nicht erst ein Meisterwerk erschaffen, um dein Buch veröffentlichen zu dürfen. Dein Buch darf technische Schnitzer enthalten, es darf irgendwo mal einen Logikfehler geben und wenn du ab und zu ein Adjektiv zu viel verwendest, ist deine Geschichte deshalb noch lange kein Reinfall. Leserinnen verzeihen oft erstaunlich viel und jede Leserin verzeiht etwas anderes.

Wenn dir die beiden ersten Gründe, schlechte Bücher zu lesen, nicht zugesagt haben, dann ist vielleicht dieser dritte Punkt hilfreich für dich. Es ist wichtig, dass du das Handwerkszeug erlernst, eine gute, spannende Geschichte schreibst, deine Zielgruppe verstehen lernst, und vieles mehr. Aber am Ende scheitern die meisten Autorinnen an ihrer inneren Stimme, die ihnen sagt, dass sie nicht gut genug sind. Wir alle haben diese Stimme. Lass sie reden, aber nimm sie nicht ernst. Und wenn du wieder einmal zweifelst, denk an ein erfolgreiches Buch, das du furchtbar findest – dann sieht die Welt wieder ein bisschen besser aus.

Musst du nun jedes schlechte Buch zu Ende lesen, nur weil das für dich Vorteile haben kann?

Selbstverständlich nicht. Bitte lege jedes Buch zur Seite, das dir keinen Mehrwert bringt. Als Lektorin ist es mein Job, dir dabei zu helfen, das Beste aus deinem Manuskript herauszuholen – das mache ich, indem ich dir meine fachliche Perspektive anbiete. Dieser Blogartikel soll dir ebenso eine neue Perspektive schenken. Nämlich die, dass du als Autorin auch in jenen Büchern einen Mehrwert finden kannst, die dich als Leserin enttäuscht haben.

Wenn du wie ich der Ansicht bist, dass man immer und überall etwas lernen kann, lass gerne einen Kommentar da und erzähle mir, welches „schlechte“ (und eventuell trotzdem erfolgreiche) Buch seinen Weg in dein Regal gefunden hat. Besonders neugierig bin ich natürlich, wenn dich dieses Buch auch etwas gelehrt hat.

Alles Liebe

Ingrid

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